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Leuchttürme im Büchermeer: Buch-Tipps

Laura Brodie: Ich weiß, du bist hier
Sie suchen nach einer guten Alternative zu Cecilia Ahern oder Marc Levy: In Laura Brodie, einer Professorin für Englisch, könnten Sie fündig werden.
Thema dieses gelungenen Romans in der Schwebe zwischen realer und irrealer Welt bzw. Imagination ist die Trauer einer jungen Frau und ihrer Suche nach neuen Lebenskonzepten.
Sarah verliert ihren EheMANN David durch einen Kajakunfall; jedoch wird nur das Boot gefunden sowie einige seiner Utensilien - aber nicht die Leiche.
Dann sieht Sarah ihn zwischen den Regalen eines Supermarktes auftauchen, kurz darauf im Hausflur und vor ihrem Küchenfenster. Nie jedoch kommt es zu einem Gespräch zwischen den beiden Eheleuten. Ausgerechnet am Halloween-Abend klopft es an ihrer Tür und David steht scheinbar leibhaftig davor. Sarah bittet ihn herein, und ihr bislang eher konservativer MANN schlägt ihr ein völlig neues Leben vor; weg vom Gewohnten, hin zu einem zurückgezogenen Leben in ihrer Hütte in den Appalachen, wo er sich fortan ausschließlich seiner früheren Passion, dem Malen, widmen möchte.
Wie kann Sarah auf diesen Wunsch reagieren? Was soll sie glauben? Die Frage, die ab jetzt dominiert, lautet: Ist David wirklich tot oder benutzt er seinen Kajakunfall, um aus seinem ihn immer weniger erfüllenden Leben als College-Arzt zu fliehen?
Und nun greift L. Brodie zu einem genialen stilistischen Mittel: Sie führt die Handlung weiter, indem sie aus Sarahs als auch Davids Perspektive berichtet. Dabei rückt sie Sarahs Gedanken und Empfindungen immer mehr in den Vordergrund - ihre Auseinandersetzung mit der in den Jahren auch für sie unbefriedigenden Ehe, ihre beruflichen Ambitionen und auch ihre Moralvorstellungen..., schließlich tritt nach und nach verstärkt Davids attraktiver und zugleich charmanter Bruder in ihr Leben!
Dieses Spiel mit literarischen Traditionen beherrscht l. Brodie perfekt; schließlich lautet der Titel ihrer Dissertation: "Witwen in der Literatur". Aber auch die Dialoge mit den Nachbarinnen oder ihrem Schwager erscheinen äußerst lebensnah. Die Spannung und Dramatik halten tatsächlich bis zur letzten Seite an und führen zu einem schlussendlich überraschenden Finale.
Zurecht ist dieser Roman mit dem "Faulkner Society Grant for Best Novel-in-Progress" ausgezeichnet worden.
Michelle Richmond: Niemand, den du kennst
Vorsicht: Dies ist ein Roman mit Gefahrenpotential - und zwar der Gefahr, noch viel mehr Bücher dieser Art lesen zu wollen. Das liegt nicht nur an den beigefügten Kaffee-Cocktail-Rezepten, sondern auch an dem perfekten Spannungsaufbau dieses vielschichtigen Thrillers.
Doch kurz zum Inhalt: Ellie sucht nach 20 Jahren immer noch nach Antworten auf die Frage, wer ihre Schwester Lila, eine hochbegabte Mathematikstudentin, in einem Wald bei San Francisco umgebracht hat. Der in einem "True Crime" Buch ihres Literaturdozenten beschuldigte Peter passt zwar dramaturgisch perfekt, doch andere Verdächtige hätten viel plausiblere Motive gehabt, als der nun öffentlich gebrandmarkte vermeintliche Täter, der daraufhin nie mehr richtig in seinem Leben Fuß fassen konnte.
So zieht sich die Suche nach Beweisen als Leitmotiv durch diesen sehr elegant geschriebenen Titel und schlägt zugleich einen Bogen zu Lilas Lebensbestimmung, der Mathematik: Schließlich wollte sie eine bislang nicht zu beweisende mathematische Vermutung endlich beweisen und stand offensichtlich vor dem Abschluss...
Viele Facetten verdichtet die Autorin wie Puzzleteilchen zu einem schlüssigen Gesamtbild und schickt ihre Protagonisten auf die Suche nach Perfektion:
Perfektion im mathematischen Denken bei Lila, Perfektion bei der Konstruktion einer Story bei Thorpe, dem zu Ruhm gelangten Literaturdozenten. Letzendlich Ellie; sie sucht einfach nur die Wahrheit. So endet dieser geniale "Thriller"(?) unspektakulär, was aber kein Manko darstellt, da er im Erzählduktus sowieso unaufgeregt und die Personen psychologisch genau beobachtend, voran schreitet.
Michelle Richmond unterrichtet Creative Writing und ist Herausgeberin einer Literaturzeitschrift. Für ihren Roman "Ein einziger Blick erhielt sie zahlreiche Literaturpreise.
Ihr neuer Titel "Niemand, den du kennst" eignet sich vor allem auch für Literaturzirkel, da er ein umfangreiches Bonusmaterial mit Hintergründen, Rezensionen und Interviews bereithält.
Norbert Kron: Der Begleiter
Selten nur gelingt es, einen intelligenten und zugleich erotischen Roman zu schreiben, der Männer und Frauen zu fesseln vermag.
Norbert Kron ist es mit seinem zweiten Roman "Der Begleiter" durchaus gelungen. Dieses vielschichtige Buch ist zum einen als Bericht des Protagonisten Alexander Felitsch zu lesen, der sich als promovierter Kulturjournalist nach dem Verlust seiner festen Anstellung bei einer großen Berliner Zeitung zunächst (nur) als seriöser Begleiter bei der Eskortagentur Engel verdingt.
Da Alexander freiberuflich nicht überleben kann, entschließt er sich, auch als erotischer Begleiter für gutsituierte Geschäftsfrauen zu arbeiten, was seinen Verdienst als Callboy "Felix" in die Höhe schnellen lässt.
Durch diese Ausflüge in die Welt der Reichen, führt N. Kron die Kehrseite der "Rich and Beautiful" vor; u.a. plastisch dargestellt am Thema "Charity", was oft mehr der Image-Pflege des Unternehmens und der Gewissensberuhigung dient als der eigentlich guten Sache.
Durch die Begegnung mit der äußerst wohlhabenden und attraktiven Liss Vonhofen gelangt Alexanders Leben an einen Wendepunkt: Stand für ihn in seinen Frauenbeziehungen bisher Unverbindlichkeit, Sex ohne tiefer gehende Gefühle und Verpflichtungen - eben "Just Fun" im Focus, so scheint seine stets schwankende Beziehung zu der alleinerziehenden Architektin Jeanne am Ende in eine ganz neue Richtung zu weisen.
Dass der Roman ein doch offenes Ende aufweist, erscheint in sich stimmig. Ein I. Lindström-Happy End wäre diesem gedanklich tiefschürfenden Roman, der trotzdem amüsant der Frage nachgeht, worauf es in einer Liebesbeziehung zwischen MANN und Frau ankommt und vor allem, was ihr Wesen ist, wohl kaum angemessen gewesen.
Norbert Kron, 1965 in München geboren, arbeitet in Berlin als Autor, Journalist und Filmemacher. Für sein literarisches Schaffen erhielt er u.a. Stipendien der Stiftung Villa Aurora und des Deutschen Kulturfonds.
Simon Beckett: Leichenblässe
Als im November 2009 endlich der lang ersehnte 3. Band der Thrillerserie von Simon Beckett "Leichenblässe" erschien, wussten die meisten noch nicht einmal, ob wieder David Hunter ermitteln würde. Schließlich endete "Kalte Asche" mit einem Messer in seinem Bauch...
Doch alle Fans des forensischen Anthropologen konnten erleichtert aufatmen. Denn obwohl dieser noch lange nicht vollkommen genesen ist, beschließt er, auf der "Body-Farm" einen Forschungsaufenthalt einzulegen, um wieder in seinem Beruf Fuß fassen zu können. Dort trifft er seinen alten Mentor Tom Lieberman. Auf dessen Bitte hin erklärt er sich bereit, ihm bei einem grausamen Fall zu helfen: Das Opfer liegt in einer Hütte in den Smoky Mountains. Es wurde brutal gefoltert und ist bereits stark verwest - stärker als es eigentlich zu diesem Zeitpunkt hätte sein dürfen.
Die Spurensicherung stellt Fingerabdrücke sicher - schon bald scheint der Täter entlarvt zu sein. Doch wieder einmal überrascht Beckett seine Leser, denn der augenscheinliche "Täter" ist schon lange tot. Die beiden Experten für forensische Anthropologie suchen weiter - doch alle Hinweise, die sie finden, sind widersprüchlich. Der Täter scheint ihnen immer 2 Schritte voraus zu sein. Besonders interessant ist dabei, dass das Buch aus zwei Perspektiven erzählt wird, die voneinander unabhängig sind und den Erzählfluss nicht stören. Zum einen auktorial mit Hunter als Protagonist, und zum anderen aus der Sicht des Mörders, zum Teil mit aufschlussreichen Rückblenden in seine Jugend.
In seinem Buch schafft es Beckett zum dritten Mal nach "Die Chemie des Todes" und "Kalte Asche" seine Leser zu Packen und bis zur letzten Seite nicht mehr loszulassen. Äußerst spannend und detailreich geschrieben. Die Ergebnisse seiner Nachforschungen auf der "Body-Farm" sind perfekt in dem roman verarbeitet und malen dem Leser ein realistisches Bild, welches ermöglicht, sich leicht in die Geschichte hineinzuversetzen. Zusammen mit den vielen überraschenden Wendepunkten ergibt sich ein Thriller der Superlative, den man nicht vor der letzten Seite aus der Hand geben will
Viel Spaß beim Lesen
Erstellt von: Jonas Stäblein (15), 9. Klasse, Dante-Gymnasium
Käthe LachMANN: Draußen nur Männchen
Was für Erfahrungen kann "frau" beim Internet-Dating machen und welche Schlüsse aus der Online-Suche nach dem TraumMANN ziehen, wenn sie schon einige frustrierende Dates hinter sich hat?
Diese Fragen durchziehen den vortrefflich geschriebenen Comedy-Roman von Käthe LachMANN wie ein roter Faden.
In 19 kurzen Kapiteln kann "frau" regelrecht mitleiden mit Sara, der Single-Heldin aus Hamburg, wenn sie immer wieder an "Mr. Wrong" gerät. Schließlich bietet das Online-Dating per "LiveLove" den Teilnehmern ausreichend Möglichkeiten zu tricksen - und schnell wird aus einem ledigen, interessanten Adonis ein "Männchen", das "frau" so schnell wie möglich wieder abschütteln möchte.
Der Buchtitel enthält offensichtlich jede Menge Frusterfahrungen, die eventuell nur ein bißchen comedyartig aufgepeppt werden mussten...
Obwohl dieser wirklich witzig geschriebene Debütroman viele Merkmale eines typischen ChickLit-Titels aufweist, ist er keinesfalls seicht. Gerade auch der überraschende aber gelungene Schluss wirft doch Fragen nach Sinn und Unsinn der einschlägigen Online-Partnervermittlungen auf.
Käthe LachMANN, 1971 in Reutlingen geboren, zog für ihr Philosophie-Studium nach Hamburg, wo sie jetzt auch wohnt. Für ihre Comedy-Programme erhielt sie bereits mehrere Preise, u.a. den Deutschen Kabarettpreis.
Wer sich auf englisch (Easy Reader) noch literarisch mit dem Thema befassen möchte, dem sei auch "The Dating Game" von Carole Eilertson (Buchtipp, Rez. v. 28.10.2009) empfohlen.
Elena Moreno: El misterio de la llave
Aufgrund des großen Interesses an spanischsprachigen Easy Reader-Titeln soll rechtzeitig vor Ferienbeginn ein weiterer Titel mit viel Lokalkolorit vorgestellt werden: "El misterio de la llave" weist den Level 1 auf; d.h. es werden nur ca. 400 Wörter vorausgesetzt. Auch diese Erzählung stammt aus der "Collectíon Leer en Espaniol" im Verlag Santillana Educatíon in Zusammenarbeit mit der Universität Salamanca.
Wiederum ist es überraschend, wie die Autorin E. Moreno mit diesem Originalwerk für Anfänger im ersten Lehrjahr literarisch so überzeugen kann. (s.a. Rez. 25.2.2010 "La chica de los zapatos verdes" von Jordi Surís Jordà).
Kurz zum Inhalt: In der Altstadt von Toledo werden von Bauarbeitern zufällig Reste einer Synagoge aus dem 12. Jahrhundert entdeckt. Dabei stoßen die Archäologen auf einen geheimnisvollen Schlüssel mit altarabischen und althebräischen Inschriften, die sie nicht entschlüsseln können.
Cándido, einem arbeitslosen Archäologen, der aufgrund eines Diebstahls auf einer Ausgrabungsstätte und eines Unfalls, bei dem ein Polizist zu Tode kam, im Gefängnis saß, werden anonym Zeitungsartikel über die "Blaue Synagoge" zugeschickt. Wer will ihn aus Cordoba weg nach Toledo holen oder locken? Handelt es sich womöglich um eine Falle, in die der nun neugierige und ehrgeizige Cándido geraten Könnte? Schließlich will er allen noch mal so richtig zeigen, was er beruflich kann...
Es ist wirklich unglaublich, wie E. Moreno es versteht, mit diesem geringen Vokabular Spannung zu erzeugen und Charaktere lebendig werden zu lassen. Auch die CD mit dem großartig gesprochenen Text lässt die Geschichte wie einen Film vor dem geistigen Auge entstehen, und der Leser fühlt wahrhaft mit Cándido!
So macht Spanischlernen einfach Spaß; sogar die Übungen sind interessant und einladend gestaltet.
Esther Freud: Das Haus am Meer
Der Name der Autorin lässt schon mal aufhorchen, und in der Tat handelt es sich bei Ester Freud um die Urenkelin von Sigmund Freud und die Tochter des Künstlers Lucien Freud. In London, 1963 geboren, verarbeitet diese brillante Schriftstellerin in ihren Romanen die Erfahrungen ihrer Kindheit, so z.B. in ihrem mit Kate Winslet verfilmten Roman "Marrakesch".
Auch in diesem Titel zeigt sich die große Einfühlsamkeit E. Freuds in die Abgründe der menschlichen Psyche; gerade die Kinder erfahren eine besonders liebevolle Zuwendung. Lily, eine junge Architekturstudentin, schreibt in dem kleinen Ort Steerborough an der rauen Küste von Suffolk ihre Abschlussarbeit über den deutschjüdischen Architekten KLAUS LehMANN. Dafür sichtet sie Liebesbriefe, die er während des Zweiten Weltkrieges bis in die 50er Jahre hinein an seine Frau Elsa schrieb; einerseits liebevolle Zeilen, die Lily zunehmend mehr in ihren Bann ziehen und sie über ihre eigene Liebesbeziehung reflektieren lassen.
Mit Nick, ihrem Freund im fernen London, der als Architekt den Aufträgen weit mehr Beachtung schenkt als der sich vernachlässigt fühlenden Lily, kommt eine gewisse Unruhe in Lilys beschauliches Leben im kleinen Cottage - seine gelegentlichen Besuche laufen nämlich alles andere als harmonisch ab. Zudem fühlt sich Lily zu ihrem Nachbarn Grae hingezogen, dessen Ehe sich in einem desolaten Zustand befindet, was für seine beiden Mädchen Em und Arrie nur schwer zu verstehen und ertragen ist.
Nun kommt die meisterhafte Komposition dieses Romans ins Spiel: E. Freud kreiert zwei Erzählstränge auf zwei Zeitebenen, nämlich die Zeit vor der Emigration jüdischer Architekten und Maler nach England mi ihren plastisch geschilderten Hintergründen und eben Lilys problematische Liebesbeziehung zu Nick, von dem sie sich mehr Verbindlichkeit und Anteilnahme an ihrem Leben wünschen würde.
Geschickt verbunden sind die beiden Zeitebenen durch Personen, die in der Gegenwart als auch der Vor- und Nachkriegszeit agieren.
Dieser psychologisch als auch zeitgeschichtlich mit Gewinn zu lesende Roman, der nie oberflächlich daherkommt, steckt voller Poesie und zeigt seine Protagonisten mit all ihren Brüchen und Widersprüchen, was jedoch einen dafür bereiten Leser erfordert.
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