Das Hildebrandhaus

Das Hildebrandhaus ist heute ein offenes Haus mit angenehmer Aufenthaltsqualität, das von vielen Menschen geschätzt und gerne besucht wird. Schon sein Erbauer, der Bildhauer und Kunsttheoretiker Adolf von Hildebrand (1847–1921), beseelte sein Atelier- und Wohnhaus mit der Idee, Kunst und Leben in Einklang zu bringen. Gäste waren im Atelier, im Salon und auf der Terrasse immer gerne gesehen.

In den 1930er Jahren wurde das Hildebrandhaus zu einem Ort, an dem Lebensgeschichten eine grausame Wendung nahmen. Die Zeit des Nationalsozialismus umfasst ein düsteres Kapitel der Biografie des Hauses, das geprägt ist von Verfolgung, Entrechtung und Vernichtung. Von den Schicksalen etlicher Bewohner war bis vor einigen Jahren wenig bekannt. Pfarrer Ernst Ludwig Schmidt leistete Pionierarbeit mit seinen Nachforschungen, die er 2001 erstmals dokumentierte. Die Stadt München stellte sich der Verantwortung. Gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche vergaben das Kulturreferat und die Monacensia einen Forschungsauftrag zur Geschichte des Hildebrandhauses. Die Ergebnisse liegen seit 2006 als Buch vor. Die Rekonstruktion der Hausgeschichte ist ein Beitrag zum kulturellen Gedächtnis der Stadt München.

1898 – 1921: Adolf von Hildebrand

Adolf von Hildebrand, 1847 als Sohn eines Nationalökonomen in Marburg geboren, gilt zwischen 1890 und 1910 als einer der bedeutendsten Bildhauer seiner Zeit. 1866 kommt er als Schüler des Bildhauers Caspar von Zumbusch nach München. Zumbusch nimmt Hildebrand mit auf eine Italienreise nach Verona, Mantua, Florenz und Rom. Während dieser Reise lernt Hildebrand den Kunsttheoretiker, Mäzen und Kunstsammler Conrad Fiedler sowie den Maler Hans von Marées kennen. Italien, wo sich Adolf von Hildebrand intensiv mit der Kunst der Renaissance auseinandersetzt, wird ihm zur Wahlheimat. 1874 erwirbt Hildebrand das alte Klostergebäude San Francesco di Paola, wo er zusammen mit seiner Frau Irene und seinen Kindern lebt und arbeitet.

1890 erhält Adolf von Hildebrand von der Stadt München den Auftrag, den Wittelsbacher Brunnen am heutigen Lenbachplatz zu erbauen. Um diesen großen öffentlichen Auftrag zu realisieren, verlegt er seinen Hauptwohnsitz von Florenz nach München. 1898 bezieht er mit seiner Frau Irene und den sechs Kindern sein repräsentatives Wohn- und Atelierhaus am Münchner Isarhochufer, das er nach eigenen Plänen durch den renommierten Münchner Architekten Gabriel von Seidl errichten lässt. Zu den Gästen des weltoffenen Salons der Hildebrands zählen auch Kronprinz Rupprecht von Bayern, die Schriftstellerin Annette Kolb, der Reformpädagoge Georg Kerschensteiner, der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin, Cosima Wagner und viele mehr.

1921 – 1933: Dietrich von Hildebrand

Als Adolf und Irene von Hildebrand 1921 starben, vermachten sie ihr Haus zu gleichen Teilen ihren Kindern Dietrich von Hildebrand und Irene Georgii, die beide in der Villa wohnten. Der Philosoph und Theologe Dietrich von Hildebrand führte die Tradition des intellektuellen Salons weiter, bis er als vehementer Kritiker und Gegner der Nationalsozialisten Deutschland nach Hitlers Machtübernahme verlassen musste. Er floh 1933 nach Wien und emigrierte später über mehrere Zwischenstationen nach New York, wo er zum Professor an der Jesuiten-Hochschule Fordham ernannt wurde. 1977 starb Dietrich von Hildebrand in La Rochelle, upstate New York.

Nach seiner Flucht befand sich Dietrich von Hildebrand in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Irene und Theodor Georgii hatten Sorge, das Haus nicht alleine halten zu können und befürchteten eine Enteignung durch die Nationalsozialisten. Im Sommer 1933 wurde der Verkauf des Hildebrandhauses beschlossen.

1933 – 1941: Elisabeth Braun

 

Elisabeth Braun (1887-1941), Tochter einer alteingesessenen jüdischen Münchner Kaufmannsfamilie, wurde 1934 die neue Besitzerin des Hildebrandhauses. Die ausgebildete Lehrerin, die 1920 zur Evangelisch-Lutherischen Kirche konvertiert war, behielt zunächst ihren Wohnsitz am Tegernsee, einige Räume des Hauses wurden von ihrer Stiefmutter Rosa Braun bewohnt. Wegen der zunehmenden Bedrohung und Diskriminierung seitens der Nationalsozialisten zog 1938 auch Elisabeth Braun im Hildebrandhaus ein, wo sie sich eine sichere Wohnstätte erhoffte. Bis 1941 gewährte sie hier 15 verfolgten jüdischen Mitbürgern Obdach. Elisabeth Braun war zunehmend der willkürlichen Gewalt seitens des NS-Regimes ausgesetzt. Gegen den Zwangsverkauf ihres Hauses wehrte sie sich bis zuletzt. Am 15. November 1941 wurde Elisabeth Braun zusammen mit 1000 Münchner Juden nach Kaunas in Litauen verschleppt und umgebracht. Ihr gesamtes Vermögen wurde durch die Oberfinanzdirektion München eingezogen, das Hildebrandhaus kam durch „Arisierung“ in den Besitz des „Deutschen Reiches“. In den folgenden Wochen und Monaten wurden auch alle weiteren „nicht arischen“ Bewohner des Hildebrandhauses deportiert und ermordet.

Publikation

Über die Lebensgeschichte von Elisabeth Braun war bis Ende der 1990er Jahre kaum etwas bekannt. Erste Recherchen gehen auf Pfarrer i.R. Ernst Ludwig Schmidt, Florian Sattler und Klaus Bäumler zurück. Seit 2006 liegt in der „edition monacensia“ die Publikation „Das Hildebrandhaus. Eine Münchner Künstlervilla und ihre Bewohner in der Zeit des Nationalsozialismus“ von Christiane Kuller und Maximilian Schreiber vor. 
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1941 - 1945

Während der NS-Zeit wohnte und arbeitete im Hildebrandhaus eine Reihe damals bekannter Bildhauer, Musiker und Schriftsteller. Zu diesen zählte Theodor Georgii, der Schwiegersohn und Meisterschüler Adolf von Hildebrands, der sich im Kaufvertrag ein Wohnrecht zusichern ließ und der Pianist Wolfgang Ruoff. 1938 zog der Bildhauer Ernst Andreas Rauch in das Hildebrandhaus und nutzte das große Atelier. Sein Stil entsprach dem Geschmack der Zeit und er genoss wohlwollende Förderung durch das NS-Regime und lukrative Aufträge. Als Rauch 1941 als Professor an die Kunstakademie in Nürnberg berufen wurde, vermietete er sein Atelier an den Bildhauer Wilhelm Nida-Rümelin. In die Wohnung von Elisabeth Braun zog im August 1941 die Münchner Pianistin Rosl Schmid mit Mann und Tochter ein. 1939 erhielt Rosl Schmid den Nationalen Musikpreis für die beste deutsche Nachwuchspianistin. Festzustellen bleibt: Tür an Tür mit Elisabeth und Rosa Braun und 15 weiteren Verfolgten den NS-Regimes lebten und arbeiteten Bildhauer und Musiker, die teilweise in der NS-Zeit hohes Ansehen genossen.

Während der Bombenangriffe auf München wurde das Hildebrandhaus zur Unterbringung von „Fliegergeschädigten“ genutzt. Zeitweise lebten in der Villa bis zu 30 Mietparteien in äußerst beengten Verhältnissen. Obwohl das Haus keine schweren Bombenschäden erlitten hatte, war es nach Kriegsende stark beschädigt.

Nach 1945

Mit großem Nachdruck wehrten sich die Bewohner des Hildebrandhauses unter Berufung auf die künstlerische Bedeutung des Hauses gegen eine Beschlagnahme und anderweitige Nutzung durch die Militärverwaltung. Schließlich fanden sie Unterstützung durch den Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner und den Münchner Oberbürgermeister Karl Scharnagl. Bis in die 1960er Jahre wohnten im Hildebrandhaus Menschen, die während der NS-Zeit dort eingezogen waren und beim Regime hohes Ansehen genossen hatten.

Der Bildhauer Wilhelm Nida-Rümelin, der bis Kriegsende das große Atelier nutzte, nahm sich 1945 das Leben. Sein Sohn Rolf Nida-Rümelin übernahm den Atelierraum nach der Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft. Zusammen mit seiner Frau Margret machte der Bildhauer daraus in den Nachkriegsjahren einen kulturellen Treffpunkt und lud zu regelmäßigen Diskussionen über Kunst, Wissenschaft, Literatur und Philosophie.

Der Bildhauer Martin Mayer übernahm 1963 nach dem Tod von Theodor Georgii das benachbarte kleinere Atelier. Martin Mayer war von 1946 bis 1954 Schüler und Student bei Prof. Georgii an der Münchner Kunstakademie und später dessen Gehilfe u.a. bei der Restaurierung des Wittelsbacher Brunnens.

1948 – 1967: Das Vermächtnis von Elisabeth Braun

In ihrem Testament hatte Elisabeth Braun 1940 die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern als Alleinerbin eingesetzt. Für das Hildebrandhaus wünschte sie sich, es möge 'nichtarischen Gläubigen' als Wohnsitz zur Verfügung gestellt werden. 1948 konnte die Kirche das Erbe antreten; die von Elisabeth Braun vorgesehene Nutzung wurde jedoch nicht realisiert und die Räume der Villa wurden weiterhin vermietet.

1967 – 1977: Spekulationsobjekt

Im Jahr 1967 entschloss sich die Evangelische Landeskirche zum Verkauf des Hauses an einen Immobilienhändler. Der Abriss des zusehends vom Verfall bedrohten Hauses wurde beantragt, um auf dem Grundstück einen lukrativen Neubau zu errichten. In letzter Minute gelang der Stadt München unter Berufung auf das „Gesetz zur Enteignung aus Gründen des Gemeinwohls“ und unter Mithilfe der Münchner Bürgerinnen und Bürger sowie der Presse eine Gegenklage. Nach jahrelangem Rechtsstreit war das Hildebrandhaus die erste Immobilie, die durch das neue Denkmalschutzgesetz für Bayern gerettet wurde. 1974 erwarb die Stadt München das Hildebrandhaus zur Wiederherstellung und Nutzung für kulturelle Zwecke. Nach der Restaurierung der Villa wurde die dortige Unterbringung der Monacensia mit den Abteilungen Bibliothek und Handschriftenabteilung beschlossen.

Seit 1977: Sitz der Monacensia

Nachdem die originalgetreue und aufwendige Restaurierung nach Plänen von Enno Burmeister unter der Leitung des städtischen Baureferats abgeschlossen war, konnte die Monacensia ihre neuen Räumlichkeiten beziehen. So ist das Hildebrandhaus entsprechend seiner Vergangenheit als Künstlervilla seitdem wieder ein beliebter Ort der kulturellen Begegnung und des geistigen Lebens der Stadt.

2011: Neukonzeption und Generalsanierung

Im November 2011 bewilligt der Kulturausschuss des Münchner Stadtrats die finanziellen Mittel für die Sanierung und Erweiterung des Hildebrandhauses. Unter sorgfältiger Beachtung des Denkmalschutzes wird das1898 durch den Architekten Gabriel von Seidl fertiggestellte Hildebrandhaus in seinen Originalzustand zurückversetzt und gleichzeitig zu einem attraktiven, zeitgemäß gestalteten Ort des literarischen Lebens weiterentwickelt, der im Frühjahr 2016 wieder für ein breites Publikum zugänglich ist.

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